Manuel Andrack

Autor - Moderator - Wanderer



Wo das Glück wohnt

Die Saarländer wollen das Glück zwingen. Immerhin geben sie pro Kopf mehr Geld für Lotto und Toto aus als der Rest der deutschen Bevölkerung. Vielleicht könnten sich die Saarländer aber das Geld sparen, denn es wird vermutet, dass das Glück schon im Saarland wohnt, man muss es gar nicht mehr suchen. Aber welche Anschrift hat das Glück, das im Saarland wohnt? Ich habe mich auf die Spur des Glücks gesetzt und bin nach Saarbrücken und Losheim, nach Völklingen und Köllerbach gefahren. Wenn man einen echten Saarbrücker treffen will, einen der auf 400 Jahre Familiengeschichte in Saarbrücken zurückblickt, muss man sich mit Thomas Bruch im Gasthaus Stiefel am St.Johanner Markt treffen.

Bruch ist ein Mann, der in sich ruht, der absolut glücklich mit dem ist, was er und seine Familie in und für Saarbrücken geschafft haben. Bruch ist Bierbrauer und seine Vorfahren waren es auch. Die Pröbste der Familie Bruch brauten schon Bier, 1702 eröffnete sein Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater im Stiefel eine Brauerei, damit ist die Bruch-Brauerei das älteste Unternehmen von Saarbrücken. Die Familie hat in den letzten Jahrhunderten verfolgen können, wie die Stadt Gestalt und Form annahm. Vielleicht hat sich auch der Star-Architekt Stengel ein Bruch-Bier im Stiefel gegönnt, als er über den Plänen für die Stadt saß. Das Stadtschloss, die Ludwigskirche, unzählige weiß-getünchte, mediterran strahlende Häuser hat Stengel in Saarbrücken gebaut. Aber Thomas Bruch legt die Hände nicht in den Schoss und sonnt sich einfach im Glanz der Vergangenheit. Mit blitzenden, strahlenden Augen erzählt er mir von seinen Innovationen der letzten Jahre: Er hat das Weizenbier erfunden, dass man aus einer Stubbi-Flasche trinken kann; den Bierdeckel in den Umrissen des Saarlands; ein Zwickelbier, als man trübes Bier noch für einen Braufehler hielt. Und er experimentiert mit neuen Biersorten, Thomas Bruch ist so eine Art Miraculix des Saarlands. Wir trinken im Stiefel ein frisch gezapftes „Wadgasser Klosterbräu“, das „Fastenbier“ der Brauerei. Er braut es mit drei unterschiedlichen Malz-Sorten, unter anderem Karamell. Daher bestellt er noch zwei Bier für uns, als die Bedienung nach Dessert-Wünschen fragt. „Das Bier ist doch wohl ein richtiges Guddzje, oder?“ (Übersetzung für Nicht-Saarländer: Guddzje = Süßigkeit, Naschwerk).

Bruch steht für die genussvolle Seite des Saarländers. Das legendäre „Hauptsache, Gudd gess“ bezog sich traditionell allerdings auf ein sehr deftige, kohlenhydratreiche Kost. Bruch erinnert sich: „In den 1950er und 1960er Jahren war die Gastronomie in Saarbrücken nicht so doll. Da fuhren alle rüber nach Frankreich, wenn Sie richtig schlemmen wollten.“ Das hat sich definitiv geändert. Heutzutage kommen die Franzosen rüber nach Saarbrücken, um Gourmet-Küche zu genießen. Zum Beispiel in der Fünf-Sterne Straße, der Mainzer Straße, die unweit des Stiefels beginnt. Nirgendwo in Deutschland gibt es eine Straße, an der zwei Sterne–Tempel gelegen sind.

Ich hätte mich mit Bruch übrigens nicht nur im Stiefel treffen können. Auch am Tabaksweiher wäre es nett gewesen, im Ruderclub Undine, oder am Ulanenpavillon an den Gestaden der Saar, dem legendären Staden. Geschickt hat Bruch die schönsten Plätze der Stadt besetzt, bald kann man auch im Biergarten am Stengelschen Schloß mit einem Bruch-Bier in der Hand auf die Stadt Saarbrücken hinabschauen. Die Frage ist, hat sich Thomas Bruch diese Glücks-Orte von Saarbrücken gesucht, oder findet man das Glück überall im Saarland?

Die Sportfreunde Köllerbach haben verloren, deutlich verloren, aber das scheint Thilo Ziegler nicht viel auszumachen. Wir haben zusammen ein Spiel der fünften Liga gesehen und ich habe wieder viele Saarländer kennen gelernt. Im Saarland kennt „jeder eenen, der eenen kennt“, aber Thilo Ziegler kennt im Zweifelsfall noch „eenen“ mehr. Kein Wunder, organisiert er doch das größte Rockfestival des Saarlands, den Rocco del Schlacko. 1999 fing es mit einem kleinen Festival für Schülerbands neben einer alten Schlackehalde an. Daher der Name Rocco del Schlacko. Inzwischen findet das Festival mit jährlich 24.000 Besuchern auf der Sauswasen in Köllerbach zwischen Saarbrücken und Saarlouis statt. Es spielen die Beatsteaks, die Fantastischen Vier, Bad Religion. Und jeder kennt in Köllerbach „unseren“ Thilo und ist stolz auf ihn. Er hätte natürlich auch nach Saarbrücken mit seinem Festival gehen können, blieb aber seinem Heimatort verbunden. „Wenn ich kurzfristig noch etwas organisieren muss, ist das eben einfacher“ sagt Ziegler. Man könnte ihn mit seiner Haarmähne und dem wilden Bart auch für einen Hipster aus Berlin-Mitte halten, aber er käme natürlich nie auf die Idee, dass Saarland zu verlassen. „Na hör mal, das mit dem Klüngel kennst Du doch auch aus Köln“, sagt er zu mir. Ja schon, aber erstens ist das Gemauschel unter dem Dom viel negativer besetzt und ehrlich gesagt ist der kölsche Klüngel Kindergeburtstag gegen das Netzwerk, das sich jeder Saarländer im Laufe seines Lebens automatisch aufbaut. „Das Schöne ist“, grinst Thilo Ziegler, „dass quasi jeder auch schon überall gearbeitet hat.“ Daher kann man von den vielen Kontakten und Bekanntschaften profitieren.

Ziegler nutzt seit 2012 die phantastische Kulisse des Weltkulturerbes in Völklingen für das Festival „Elektro Magnetic“. Er kann sich noch an die Zeit erinnern, als er ein Kind war und der Himmel über Völklingen sich fast minütlich orange färbte von der glühenden Schlacke. 1986 wurde die Hütte geschlossen, seit 1994 ist sie Weltkulturerbe und damit genauso schützenswert wie die Pyramiden von Gizeh oder die chinesische Mauer. Wenn dann der gelernte Städteplaner Ziegler mit seinem Trupp von Lichtdesignern anrückt, werden die mächtigen Rohre des Hochofens zu einer faszinierenden Skyline aus Licht und Stahl. Dann leuchtet es nicht nur Orange, sondern in allen Regenbogenfarben. Kein Wunder, dass „Elektro Magnetic“ als bestes Festival für elektronische Musik in Europa ausgezeichnet wurde. Zweifelsohne ein Glücksort.

Am Losheimer Stausee treffe ich Achim Laub in seinem Büro. Er telefoniert gerade, das macht er oft, denn er muss ein Heer von Helfern dirigieren, die sich um die unzähligen Wanderwege kümmern, die er verantwortet. Früher definierte sich das Saarland hauptsächlich über Kohle und Stahl, heute steht immer öfter die wunderbare Natur und großartige Landschaften im Vordergrund. Achim Laub ist der Spiritus Rector des saarländischen Wanderwunders. Nicht zuletzt durch sein Engagement finden sich im Saarland proportional zur Bevölkerung die meisten Premiumwege Deutschlands. Das Saarland war nicht immer ein Wanderparadies. Laub erzählt, dass Anfang der Nuller Jahre kaum jemand von dem touristischen Potential des kleinen Bundeslands überzeugt war. Die Saarschleife, na gut, aber sonst? Der deutsche Wanderprofessor Rainer Brämer machte dem Touristiker Achim Laub Mut. „Ihr habt eine tolle Landschaft, nur die Wanderwege sind – na ja – supoptimal“

Also machte sich Laub an die Arbeit, und, Nomen est Omen, ließ zugewachsene Natur-Highlights wie Felsen und Bäche von wucherndem Gestrüpp befreien, legte neue Wanderpfade an. Der Lohn der Mühen: Bei den deutschen Wander-Oscars gewann das Saarland schon dreimal in Folge den begehrten Preis für den schönsten Wanderweg des Jahres. Alle diese Wege hat Achim Laub komponiert wie ein Musiker seine Sinfonie. Ein Beispiel: Der Saar-Hunsrück-Steig beginnt an der Obermosel im Weinort Perl. (Zur Erklärung: Die Saarländer haben zwar keinen Wein von der Saar, aber ganz tolle Tropfen  an der Obermosel.) Dann geht der Steig weiter: über die Saarschleife, am Losheimer See vorbei, durch den saarländischen Hochwald und über den Kurort Weiskirchen bis nach Idar-Oberstein. Das Wanderwunder wirkt. Allein nach Losheim kommen 30.000 Wanderer pro Jahr. Am Losheimer Stausee wurde eigens vor ein paar Jahren ein Hotel errichtet, um diesem Ansturm der Wanderer aus ganz Deutschland gerecht zu werden. Verständlich, dass das Deutsche Wanderinstitut dem Saar-Hunsrück-Steig die besten Noten aller deutschen Weitwanderwege gegeben hat. Eine eins plus für das Wanderland an der Saar.

Das Saarland ist die Heimat des Genusses, es ist das Land der hilfreichen Netzwerke und man findet grandiose Natur. Im Saarland lässt es sich leben. Wahrscheinlich hat das Glück eine große Familie, denn es scheint unter sehr viele Adressen im Saarland heimisch zu sein. Dehemm sozusagen.

 



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