Manuel Andrack

Autor - Moderator - Wanderer



Andrack wandert mit… Antje von Dewitz

Manuel Andrack und das Wandermagazin gehen neue Wege. Andrack wandert nicht mehr allein, wie ein einsamer, trauriger Wolf, nein, Andrack wandert mit den Machern der Outdoor-Branche. Alle Wanderer tragen Jacken, Hosen, Schuhe, Rucksäcke von Meindl, von Deuter, von Schöffel, von Tatonka, von Vaude, von Mammut. Aber kaum einer weiß, wie die Menschen hinter diesen Marken aussehen, wie sie ticken, und – ganz entscheidend – ob sie überhaupt gerne Wandern. Andrack wird es herausfinden, und zum Start der neuen Reihe wandert er mit … Antje von Dewitz


 

Ganz klar, Wandertraumwetter sieht anders aus, denn es ist bewölkt, sogar nebelig, an dem Tag, an dem ich mich mit Antje von Dewitz treffe. Wir haben uns am Startpunkt eines neuen Premiumwegs am Bodensee getroffen. “Guckinsland” heißt der Weg, nun, ob es viel zu schauen geben wird heute, das ist angesichts der Wetterlage fraglich, aber, wie sagt der Wandervolksmund, es gibt ja angeblich kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung. Womit wir direkt beim Thema sind, denn Antje von Dewitz produziert mit knapp 500 Mitarbeitern in Deutschland und 1.500 Angestellten weltweit Kleidung und Rucksäcke für draußen. Vaude heißt die Outdoor-Firma aus Tettnang. Der Vater von Antje, Albrecht von Dewitz, hat sie gegründet und seine Initialen zum Firmennamen gemacht, ähnlich wie adidas (Adi Dassler) oder Haribo (Hans Riegel Bonn). Jahrelang habe ich nicht kapiert, dass Vaude “Fau-De” ausgesprochen wird. Ich habe mir das vornehmer, französischer vorgestellt, und meinte, Vaude würde sich auf “Mode” reimen und “Wooode” ausgesprochen.

Wir wandern los, die leibhaftige Miss “Fau-De” und ich, wir stapfen durch das Laub. Antje von Dewitz spricht schnell, ohne Dialekt, der Vater stammt nun mal aus Ostpreußen, da spricht man nicht automatisch den oberschwäbischen Dialekt, auch wenn es einen nach Tettnang verschlagen hat. Es geht bergauf, ich gerate beim Reden in leichte Schnappatmung, Antje von Dewitz dagegen klettert entspannt neben mir bergan. Dass Wandern, Radfahren, überhaupt Outdoor nicht nur beruflich ihre Leidenschaft ist, das nehme ich ihr sofort ab. Und bei ihr bedeutet Leidenschaft keineswegs etwas, das Leiden schafft. Während ich schwerfällig die Stufen des steilen Weges hinaufsteige, klettert Antje von Dewitz leichtflüssig auf dem unebenen Pfad neben den Stufen hinauf.

Wir erreichen das erste Highlight des 15 Kilometer langen Rundwegs, den Gehrenbergturm. Ein etwas lahmer Name, wie ich finde, in der guten alten Zeit hieß das hier oben noch “Großherzog-Friedrich-Turm”, klingt irgendwie schmissiger. Leider ist heute ein Wie-Sie-sehen-sehen-Sie-Nichts-Tag, da nützt auch kein Aussichtsturm, egal wie der nun mal heißt. An besseren Tagen könnte man über den Bodensee blicken, an noch besseren Tagen auch zum Panorama der gegenüberliegenden Appenzeller Alpen.

Ich frage Antje von Dewitz, was sie für ein Wandertyp ist. Sie ist ein Familienmensch, auch beim Wandern, meistens ist sie auf kleineren Touren mit ihrem Lebensgefährten und den vier Kindern  zwischen fünf und dreizehn Jahren im Bregenzer Wald unterwegs. Brennend interessiert es die Vaude-Chefin, ob ich denn Tipps hätte, wo man mit Kindern wandern gehen kann. Obwohl sie das Gehen mit Kindern eigentlich nicht “Wandern”, sondern  “Schlandern” nennt. Aber eigentlich, eigentlich ist das kein Wandern für die Vaude-Chefin. Mehrtägige Touren, mit Rucksack und Zelt und Schlafsack, das ist genau ihr Ding. Ich komme mir mit meiner Tendenz zu eher genussreichen und bequemen Eintagestouren vor wie ein blutiger Wander-Novize. Ein Schlanderer eben. Aaaaber: Antje von Dewitz kommt wegen ihres Jobs nicht so oft zum Wandern, wie sie sich das wünschen würde. Wenigstens fährt sie jeden Tag sechs Kilometer in ihr Büro und zurück mit dem Fahrrad. Bei Wind und Wetter, über Stock und Stein. Sie hat bei der Outdoor-Forma Vaude einen schönen Wettbewerb ins Leben gerufen – das Mobilitäts-Lotto. Wer ohne Auto in die Firma kommt, der kann an einem täglichen Gewinnspiel teilnehmen und schöne Preise gewinnen – die wahrscheinlich auch wieder mit dem Spaß an Bewegung und draußen sein zu tun haben.

Nun findet sie, ist es aber auch mal gut mit der Bewegung. “Wann machen wir den mal Picknick?” fragt sie, nicht zum ersten Mal. Ich möchte auch “Vess-per” machen. Antje (das “von Dewitz” und das “von Andrack” haben wir schnell abgelegt), Antje also lacht mich aus. “Das heißt doch nicht Vess-per, als wenn Helmut Schmidt das ausspricht, das heißt Veschper” Man muss dazu sagen, dass Michael Sänger, der Chefredakteur des WANDERMAGAZINS mit uns wandert und viele Fotos macht. Und in  Sängers Rucksack ist, das kennen ich von vielen gemeinsamen Wanderungen, Schmalhans Küchenmeister. Sänger ist Wanderasket. Aber natürlich machen wir jetzt Pause und lassen uns auf einem liegenden Baumstamm nieder. Ich packe meine kalte Mini-Pizza aus, Sänger seine Trinkflasche und Antje von Dewitz hat Brot dabei, eine Banane, Schokolade, die legt sie sich auf’s Brot und Duplo mit Feinbittergeschmack. Ich bekomme natürlich Stielaugen und profitiere davon, dass Antje schwesterlich teilt. Während wir schmausen, eilt eine Frau mit Nordic Walking Stöcken durch den Wald. Auf dem Rücken hat sie eine Art Reisig-Rolle befestigt. “Bestimmt eine Bastel-Frau” urteilt Antje knapp. “Bastel-Frau” scheint hier im Badischen ein stehender Begriff zu sein. Aber so ein klein wenig ist Antje wohl auch eine dieser Bastelfrauen. Wenn ich höre, dass sie schon Mitte November zehn selbst gebastelte Adventskalender für ihre Kinder und alle Patenkinder fertig hat, muss ich sagen: Chapeau, das sind ja 240 Säckchen, die muss man erst mal füllen und verknoten!

Dann geht es weiter, durch den Wald, über Wiesen und an Weidenzäunen vorbei. Nach ungefähr zehn Kilomtern führt der Guckinsland-Weg durch ein malerisches Gehöft, wir sehen eine Streuobstwiese, der Weg führt durch eine Allee mit knorrigen Bäumen. Antje jubelt: “Hier sieht es einfach nach ‘glücklicher Kindheit’ aus”. Wir verlassen das Anwesen, es geht wieder in den Wald und die Vaude-Chefin ergänzt: “Nach Bullerbü-Romantik kommt jetzt Ronja Räubertochter”. Ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass Antjes Kindheit auch glücklich und unbeschwert war. Obwohl sie in den Anfängen des Familienunternehmens die ersten Produkte auf den gemeinsamen Wanderungen testen musste. Vor allem die ersten Vaude-Zelte hatten wohl noch so einige Macken, denn Antje kann sich an sehr nasse, kalte, ungemütliche Nächte mit ihren beiden Schwestern und den Eltern im Vaude-Test-Zelt erinnern. Heutzutage wird das alles auf Hightech-Basis getestet, Antjes eigene Familie muss nicht mehr Versuchskaninchen spielen. Schön finde ich auch die Geschichte, dass Antjes Mutter für das Logo verantwortlich ist. Neuerdings ist das Logo stilisiert, es soll einen Berg symbolisieren. In der ersten Version hatte Mutter von Dewitz ein dreiblättriges Kleeblat gemalt, um der Firma Glück zu bringen. In Oberschwaben reichen eben auch dreiblättrgie Kleeblätter zum Glück haben, da ist man nicht so verschwenderisch.

Viele deutsche Outdoorunternehmen sind ja Familienunternehmen, alle sind im süddeutschen Raum angesiedelt. Durch die räumliche Enge stelle ich mir vor, dass der Konkurrenzdruck sehr hoch ist, und man sich gegenseitig nicht das Schwarze unter dem Fingernagel gönnt. Falsch! Antje pflegt einen freundschaftlichen Kontakt zu den anderen Outdoor-Business-Familienunternehmen. Der “Andi von Tatonka”, Meindl’s Lukas und Antje konferieren sogar und hecken gemeinsame ökologische und soziale Produktions-Standards aus. Die Themen “Fair Trade”, nachhaltiges Produzieren, soziale Verantwortlichkeit im Betrieb, familienfreundliche Arbeitsverhältnisse sind essentiell für Antje. Das war schon so, bevor sie die Chefin von Vaude wurde. Denn das mit dem Chefin-Sein ist ihr nicht in die Wiege gelegt worden. Sie jat sich lange Zeit eher in einer verantwortlichen Tätigkeit einer NGO gesehen. Greenpeace-Aktivistin, Jeanne d’Arc der Frauenquote, irgend so etwas. Im Rahmen ihres Wirtschafts-Studiums hat sie immerhin schon für westosteuropäische Frauenbündnis gearbeitet. Was es nicht alles gibt.

Und weil sie nicht nur “einfach” Outdoor-Klamotten produziert, muss Antje, wie ich finde, eine Menge Rollen in der öffentlichen Wahrnehmung schultern. Als Mutter, als Frau, als Chefin, als engagierte Kämpferin für eine bessere Welt, als Tochter des Firmengründers. Diesen Rollen allen gerecht zu werden, stelle ich mir nicht einfach vor. Aber Antje strahlt nicht aus, unter irgendeinem dieser Aufgaben und Ansprüche zu zerbrechen.

Unser Weg neigt sich dem Ende zu, die laut Prospekt “schwere” Guckinsland-Runde ist bald geschafft, liegt uns allen aber nicht schwer in den Beinen. Antje war das erste Mal auf diesem Weg, obwohl ihre Heimat nur wenige Kilometer entfernt liegt. Aber die Gegend rund um Markdorf, die wir heute erwandert haben, die liegt eben schon im Badischen, während Tettnang zum Oberschwäbischen gehört. Für mich ist das alles: “Am Bodensee”.

Zum Abschied hat Antje noch ein Geschenk für mich, natürlich ein Vaude-Produkt. Keine cooole Umhängetasche, einer der Renner im Vaude-Programm, übrigens ein Marktsegment, dass Antje schon für die Firma erfunden hat, als ihr Vater noch am Ruder war. Nein, Antje hat mir eine ultramarinblaue Soft-Shell-Jacke mitgebracht. Gefällt ihr etwa nicht die Jacke, die ich während der Wanderung angehabt habe? Nun, dass die Jacke nicht von Vaude ist, das wäre für Antje noch zu verschmerzen. Aber die Farbe? Da müsste ich aufpassen, wenn ich in China wandern würde. Denn dort, das müsste Vaude auch beim Exprt beachten, in China würde ein Mann der grüne Kleidung trägt, signalisieren, dass er von seiner Frau Hörner aufgesetzt bekommen hat.

Jetzt bin ich aber gespannt, welche Farbe Antje für mich ausgesucht hat. Nun, sie druckst herum, irgendwie findet sie ja die Farbe ehrlich gesagt merkwürdig, die hat sie an die Jacken ihres Opas erinnert. Aber dann hat sie sich mit ihrem Lebensgefährten Fotos von mir im Internet angeschaut und dachte dann, och, passt doch eigentlich ganz gut zum Andrack. Wahrscheinlich weil ich so etwas Opahaftes ausstrahle. Nun ja, mir gefällt die Jacke ganz gut, denn mir ist die Farbe echt piepegal, Pink geht natürlich gar nicht, aber sonst…

Wir verabschieden uns und freuen uns auf ein Wiedersehen. Ich habe bei dieser Wanderung nicht nur die Chefin von Vaude kennen gelernt, sondern einiges von Antje gelernt. Über die chinesische Farbenlehre, über Fair-Trade-Verantwortung und was es wirklich heißt zu Wandern. Wandern statt Schlandern, das sollte mir eine Lektion sein. Und vielleicht wandere ich dann auch bald mal “richtig” in meiner total korrekten opa-blauen Jacke.

 



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