Manuel Andrack

Autor - Moderator - Wanderer



Vorwort – Schritt für Schritt

Immer wenn es so richtig langweilig wurde auf unseren Wanderungen, haben meine Eltern mit mir „Schritt für Schritt“ gespielt. Stundenlang. „Schritt für Schritt und Mann für Mann, und wer den Schritt nicht halten kann, der ist ein dummer, dummer Eselsmann.“ Wer aus dem Takt geriet, war eben der „Eselsmann“. Späte 1960er, frühe 1970er Jahre, Gender-Korrektheit war noch Zukunftsmusik. Für dieses Buch bin ich auch Schritt für Schritt gegangen, richtiges Wandern war das meistens nicht. Und das soll auch nicht der Anspruch dieses Buches sein. Es ist kein Wanderbuch, sondern eine Art mobiles Geschichtsbuch. Es ist schon allein deswegen kein Wanderbuch, weil die Menschheit seit Erfindung des aufrechten Gangs zwar zu Fuß gegangen ist – gewandert hingegen wurde erst seit dem späten 18. Jahrhundert, als vor allem die englischen und deutschen Romantiker ihre zweckfreie Leidenschaft für die Natur entdeckten.

Die Grundidee dieses Buches ist es, in jeder der klassischen Schulbuchepochen (Steinzeit, die ägyptischen Reiche, die Blütezeit Griechenlands, das römische Imperium etc.) nach einem mehr oder wenigen typischen Weg Ausschau zu halten. Dabei war es mir wichtig, dass es sich um Wege handelt, die im Bestfall deckungsgleich sowohl im 21. Jahrhundert als auch vor Hunderten oder Tausenden Jahren gegangen worden sind. Naturgemäß versuche ich die historischen Gehverhältnisse mit den heutigen abzugleichen. Manchmal hat sich, wie an den Thermopylen beispielsweise, gar nicht so viel verändert in den letzten gut 2000 Jahren. Andererseits: Auf dem Weg zwischen Paris und Versailles würden sich die Revolutionärinnen von 1789 nicht mehr zurechtfinden.

Eines der schönsten Dinge beim Zu-Fuß-unterwegs-Sein sind die perlenden Gespräche mit den Menschen, mit denen man geht. Daher habe ich mir meistens Mit-Geher gesucht, gute Freunde oder professionelle Wegbegleiter, also Wander- oder Reiseführer. Ich bin mit meinem Fitnesstrainer durch das Neanderland gewandert und mit Römerdarstellern über den Ausoniusweg. Ich bin mit einem Wanderanarchisten durch die Sächsische Schweiz gestreift und mit französischen Wanderfreunden über die Schlachtfelder von Verdun. Ich bin mit einem lustlosen Kind in Spiez spazieren gegangen und mit einer Horde von Fans des 1. FC Köln auf den Spuren der Volkskreuzzügler marschiert. Kurz, ich bin dahin gegangen, wo es (manchmal) wehtun könnte. Im letzten Kapitel komme ich in der Gegenwart an und „wandere“ mit Flüchtlingen. Denn die Migration wird das große Zukunftsthema der fußläufigen Mobilität sein.

Ich bin während der dreijährigen Arbeit an diesem Buch oft gefragt worden, wie ich denn die Auswahl der Wege und Epochen getroffen habe. Und warum ich denn nicht beispielsweise den Gang nach Canossa oder Hannibals Zug über die Alpen mit im Buch hätte. Nun, für die Römerzeit fand ich es spannender, eine ganz „normale“ Römerstraße mit ganz „normalen“ Legionären abzuwandern, anstatt mich mit gemieteten Zirkuselefanten (das hätte nur tierisch Ärger mit dem Tierschutz gegeben!) über die Alpen zu quälen. Zudem: Aus einem Flachlandtiroler wird keine Berggämse mehr. Ich bin kein Reinhold Messner, sondern ein Mann des Mittelgebirges, der Neandertaler steht (und geht) mir als Rheinländer näher als der gute alte Ötzi. Ich habe eben versucht, für jede Epoche einen originellen Weg zu finden, der Sinn ergibt, der aber auch vielleicht den Leser überrascht.

In den Tipps kann ich attraktive Alternativen aufzeigen. Viele Wegstrecken sind absolut nicht zum Nachwandern geeignet. Zudem ist es bei Reisen in die „kritischen“ Länder (Ägypten, Israel) sinnvoll, sich zeitnah über die Reisehinweise beim Auswärtigen Amt zu informieren. Seit ich in Ägypten war, hat es diverse (teilweise erfolglose) Anschläge in Luxor und an anderen touristischen Hotspots gegeben. Nach meiner Wanderung am See Genezareth wurde ein Brandanschlag auf das Benediktinerkloster von Tabgha verübt, es entstanden Sachschäden in Millionenhöhe, ein Mönch erlitt eine Rauchvergiftung.

Ich möchte mich vorab bei allen Historikern für eventuell etwas oberflächliche und pauschalisierende Darstellungen der einzelnen Geschichtsepochen entschuldigen. Wahrscheinlich hätte ich die eine oder andere Formulierung nicht stehen lassen, wenn ich mich durch sämtliche zur Verfügung stehende Fachliteratur gekämpft hätte. Aber dann wäre dies nicht nur ein anderes Buch, sondern es wären 16 Bücher geworden, für jede Epoche ein eigenes. Ich habe mich für die epochenübergreifende Darstellung entschieden. Alle Zitate habe ich nach bestem Wissen und Gewissen kenntlich gemacht, ein Literaturverzeichnis findet sich ebenfalls am Ende des Buches. Ein spezieller Dank geht in diesem Zusammenhang an Dr. Anne Sudrow. Ohne ihr Buch und ihre Zusammenarbeit vor Ort hätte ich das Kapitel über die „Schuhprüfstrecke“ im KZ Sachsenhausen nicht schreiben können.

Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen und möglicherweise sogar einige Erkenntnisse bei der Lektüre dieses Buchs.



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